Mit dem Bike durch Mexico

Leben im Millionenmoloch

México City ist ein schmutziger Smogkessel. Stimmt. Und laut. Stimmt auch. Es wäre die perfekte Kulisse für das Video zu Stadtaffe von Peter Fox: „Alles ist bunt, laut und blinkt, die Stadt voller Affen ist voll und stinkt. Smog in den Lungen, bin drauf und grins…“ Jedes Wort dieses Textes scheint von der mexikanischen Metropole inspiriert zu sein. Schöne Ecken muss man suchen, doch tatsächlich: man findet sie. Genau darin liegt die Faszination dieser Stadt. Das Schöne wirkt umso schöner, wenn das Hässliche nur hässlich genug ist. México D.F. lebt von ihren Kontrasten.

Eine unendliche Dichte: Smog über Mexico City

Mit über 20 Millionen Einwohnern ist Méxiko City nach Tokio die zweitgrößte Stadt der Welt. Sie hat nicht viel mit dem Rest des Landes gemein. Man sagt, dass es hier nichts gibt, was es nicht gibt. Gut vorstellbar. Auf dem Plaza Santa Domingo könnte ich mir beispielsweise für ein paar Pesos ein Diplom als Ingenieur oder einen Doktortitel täuschend echt drucken lassen.

Der Kern der Stadt: Dekadenter Reichtum und absolute Armut

Alles geht! - würde man besser sagen, aber mit Zusatz: Wenn man Geld hat. Wie in vielen Großstädten trifft absolute Armut auf dekadenten Reichtum. Doch México City ist in dutzenden Belangen Superlative: der weltgrößte innerstädtische Platz, das größte Wandgemälde, das breiteste Drehrestaurant, die meisten Millionäre der Welt leben hier.

Superlative der Weltgrößten: Drehrestaurant "Bellini"
neben Wandgemälde von David Alfaro Siqueiros.

Chilangos nennen die Mexikaner die Stadtbewohner. Sie gelten landesweit als arrogant, unfreundlich und rücksichtslos. Absolut einzigartig ist sicherlich auch der Verkehr. Er ist das größte Laster der Stadt und so dicht, dass man oft schneller zu Fuß unterwegs ist. Abgase, brüllende Motoren und offensive Hupkonzerte sind rund um die Uhr allgegenwärtig. Die Reichen fliegen mit Hubschraubern, die Armen fahren Metro. Wer ein bisschen Geld hat, kauft sich ein Auto. Ich fahre Fahrrad.

Giftige Wolken steigen über der Stadt auf. Tagsüber im Flugzeug oder auf einem hohen Gebäude kann man förmlich sehen wie sie sich zu einer Glocke über der Stadt formieren. Der Smog macht müde und seit Wochen habe ich einen Belag auf meinen Schleimhäuten, der nicht einmal durchs Joggen im Park wegzukriegen ist. Nach meiner Tour ging ich davon aus, dass ich körperlich fit bin, doch nach fünf Kilometern Laufstrecke im Parque Viveros geht es schon los. Es kratzt im Hals, das Atmen fällt schwer.

Laufstrecke im Parque Viveros. Ich dachte, ich wäre fit.

Der Luft fehlt Sauerstoff, hinzu kommt die Höhe von 2100 Metern. Das Niederschlagende: die Läufer der Stadt scheinen sich daran gewöhnt zu haben: ältere, untersetzte Damen zogen an mir schon vorbei, als würden sie über eine Frühlingswiese im englischen Garten hoppeln. Alle paar Minuten zischt ein gut trainierter Läufer an mir durch. Eine Tatsache, die bestimmt auf körperlicher Adaption basiert und mit der ich nur schwer zurechtkam.

Trotzdem kommt die Luftverpestung für mich erst an zweiter Stelle der mexikanischen Übel. Nummer eins? Der Lärm. Die Geräusche stapeln sich in den Ohren wie der Belag auf einem Hamburger. Das Basisgeräusch bilden die Motoren der Blechkolonnen der teils uralten Trucks, Busse und Autos in den Straßen – verfeinert durch eine Alarmanlage hier und da, kuriose Hupvariationen und dem ohrenbetäubenden Lärm von Baustellen. Apotheken (!) kann ich mittlerweile aus bestimmt hundert Metern identifizieren: An ihren Eingängen wummern riesige Lautsprecher und beschallen die Umgebung mit heißen Salsa-Rhythmen und satten Downbeats, bis der Pegel teils bis zur Unkenntlichkeit übersteuert.

Typisches Bild: Verkäufer auf Dreirad verkauft Wassercontainer

Obendrauf dröhnen die Turbinen der im Minutentakt knapp über die Stadt fliegenden Flugzeuge. Verkäufer, die durch Megafone schreiend mit Fahrrad oder Handkarren durch die Straßen gondeln, garnieren den Lärm mit ihren Stimmen. Sie preisen Waren oder Dienstleistungen an: „Tamales! Ricos“ Oaquenos! Venga y compra!“ Dieser Ruf hat sich in mein Kleinhirn eingebrannt. Ich hörte ihn mehrmals jeden Tag. Und nachts. Das ist Normalsituation in dieser Stadt.

México City ist zweifellos die Vorhölle des Naturliebhabers, aber der Garten Eden für jeden Fan von Kunst, Subkultur und lebendiger Zivilisation. Das archäologische Museum zählt zu den besten der Welt und beherbergt Schätze wie die beeindruckende Steinscheibe des Atzteken-Kalenders. Olmeken, Atzteken, Tolteken, Maya – das Leben dieser Völker wird in den 14 Hallen des zutiefst beeindruckenden Museums lebendig. Doch vor allem die jüngere Kunstgeschichte der Stadt zog mich in ihren Bann - Frida Kahlo und Diego Rivera sind deren schillerndste Figuren.

Ausschnitt mit Leo Trotzky aus Diego Riveras Wandgemälde
"El hombre en el cruce de caminos" in Bellas Artes

Ich besuchte ihre verschiedenen Wohnhäuser und Ateliers, lass deren Geschichte, trank Kaffee in ihren Vierteln, besuchte das Haus ihres Freundes Leo Trotzkys, suchte quer durch die Stadt nach ihren Werken. Das Faszinierende für mich war vor allem die Verknüpfung ihrer Kunst mit dem Alltag der Menschen. Ihre Bilder sagen so viel über die mexikanische Seele aus und geben ein tieferes Verständnis für alles, was uns Europäern hier so fremd erscheint.

Gemälde im Palacio Municipal: Diego Riveras Sicht auf seine Vorfahren

Als Fotograf könnte ich Jahre lang durch die Stadt streifen ohne meiner Motive müde zu werden. Es gibt tausende Facetten, Perspektiven, Situationen, die für mich abstoßend und attraktiv zugleich sein können. Die Unterschiede der Viertel sind extrem. Es sind Parallelwelten durch die ich meine Reifen rollen lasse. In der europäisch wirkenden Condesa wird gegessen, getanzt, gefeiert, in der Zona Rosa treffen sich die Schwulen, im Centro Histórico sitzen die Silber- und Goldhändler und die Touristen, in San Ángel wohnt die Schickeria, in Coyoacan die Künstler und überall in den ganzen Zwischenräumen teilen die Unter-, Mittel- und Oberschicht die Gebiete untereinander auf.

Regenbogen-Atmosphäre in der Zona Rosa

Ich wohne im Süden der Stadt in einem Viertel der Mittelschicht. Der Hausmeister ist gleichzeitig Portier, die Autos stehen im Innhof, die Kinder gehen auf internationale Privatschulen. Zuhause ist eine „Nana“ für Haushalt, Einkauf und Mittagessen verantwortlich. Der Ruf einer Nana ist schlecht, es gibt viele Stigmata, die leider oft auch zutreffen: sie schinden Zeit, neun von zehn klauen, sie denken nicht mit, sie reden schlecht hinter dem Rücken ihrer Arbeitgeber – all so was hört man. Oft wohnen sie in einem Dienstboten-ähnlichen Zimmerchen in, neben oder auf dem Haus. Für die 200-300 Pesos (ca. 20 Euro) pro Tag würden sie vermutlich noch viel mehr Unangenehmes auf sich nehmen.

Über den Dächern der Stadt sind die Nanas zuhause

Die Nana meiner Schwester reist täglich zwei Stunden mit der Metro an und abends wieder heim in ihr Viertel. Für die kürzliche Beerdigung ihres Vaters musste sie ihren Kühlschrank verkaufen. Ihr Sohn ist, seit er sich auf den Weg zur Grenze der USA machte, verschollen. Seitdem kümmert sie sich um seine drei zurückgelassenen Kinder. So oder ähnlich ist die Realität von Millionen von Chilangos.

In den Metrolinien pulsiert das Leben. Sie sind die unterirdischen Adern der Stadt. Nonstop werden Menschen durch das dunkle Netz gepumpt. Rein, raus, Zisch, los. Eine Bahn ist nie voll. Die Türen schließen gnadenlos. Die Belüftungsanlage wurde vermutlich seit der WM 1986 nicht mehr überholt, es ist stickig und heiß. Oft rannen mir kleine Schweißperlen die Wirbelsäule entlang, während ich meine Tasche vor Dieben schützte. Und als sei es der Reize noch nicht genug, gipfelt auch hier die Lärmbelästigung. In jedem Wagon quetschen sich Verkäufer durch die Passagiere. In ihrem Rucksack steckt ein Lautsprecher, in ihrer Hand ein Discman. 10 Sekunden spielen sie jeden Titel an. Musik aller Art. "Rrrock claaaassico! Barato, barato, barato!" Betäubend laut. Die (billige) gebrannte CD kostet zehn Pesos. Ruck, Zisch, Raus, Rein, Zisch. Dann kommt der nächste Verkäufer ins Abteil. Neben Musik oder Filmen verkaufen die fliegenden Händler alles, was sich in der Metro transportieren lässt. Die Berliner U-Bahn ist dagegen eine Meditationsoase. Mehrmals stieg ich vor der Endstation aus und ging den Rest zu Fuß. Immer häufiger fuhr ich mit dem Rad, Zwar bedeutete das Gefahr, dafür aber große Freiheit. Wieso eigentlich Gefahr?

Der dichte Verkehr macht Radfahren zum Risiko

Mit dem Rad durch Méxiko Stadt fahren, das würde ich schon fast provokant nennen. Als Verkehrsmittel wirkt es so absurd, dass alle anderen Verkehrsteilnehmer schlicht keine Notiz vom Radfahrer nehmen. Das hat den Nachteil, dass es gefährlich werden kann und den Vorteil, dass alles erlaubt ist. Einbahnstraßen, Ampeln, Bordsteine, Zebrastreifen: ich sah sie als Schikanen in einem rasanten Spiel. Das Fahrradfahren erinnert vor allem in der Regenzeit an die ungünstige geografische Lage der Stadt: México City wurde von wandernden Atzteken auf einem See erbaut, weil auf der Insel in der Mitte ein Adler auf einem Kaktus saß und eine Schlange verspeiste. Diese Legende wurde in der Nationalflagge vereinigt.

Ein Adler saß und fraß - so entstand die zweitgrößte Stadt der Welt

Genau dort entstand der erste Tempel Teotihuacán (heutiges historisches Stadtzentrum), drumherum wurden schwimmende Häuser gebaut, der gigantische See wurde systematich ausgetrocknet. Das hat in der heutigen Millionenstadt dramatische Auswirkungen: Erdbeben, Wasserknappheit und zu Regenzeiten überflutete Straßen. Es ist lebensgefährlich auf dem Zweirad im Regen durch die bis zu hüfthohen Wassermassen zu manövrieren. Dabei war ich nicht der einzige Lebensmüde. Ricardo, den ich einige Monate zuvor in der Karibik kennen lernte, radelt schon sein ganzes Leben durch die Stadt. Er und seine Freunde sind Teil einer lebendigen Bike-Szene: sie spielen Rad-Polo im Park oder veranstalten illegale Fixi-Rennen durch die Stadt. „Je mehr wir sind, desto ungefährlicher ist es. Die Autofahrer können uns dann nicht mehr ignorieren.“ Diese Szene erinnert mich irgendwie an Street-Skaten oder an Parcours: mit aller Vehemenz trotzen sie dem Mainstream der Gesellschaft.

Mit Nato-Draht schirmen sich die Chilangos
vor der Welt dort draußen ab

Mit der Regierung des Landes läuft es ähnlich wie mit dem Straßenverkehr. „The Economist” formulierte es kürzlich so: „One reason why traffic is so appalling in Mexico City is that drivers routinely block others from crossing road junctions rather than miss a chance to edge forward before the lights change. And so it is with the countrys politics”. Dieser Satz trifft ins Zentrum der Chilango-Seele und umfasst wichtige Probleme des Landes. Korruption, Drogenhandel und Armut sind Sprechthemen. Die Zeitungen sind voll von „Narcotrafico“ und brutalen Morden. Das Seltsame: Die Menschen leiden unter dem fest installierten System und gleichzeitig ist es so eng mit dem Charakter des Landes verknüpft, dass es kaum einer missen oder gar ernsthaft ändern will. Was wäre México ohne all diese Probleme? Es müsste sich neu definieren und es scheint, als habe die Mehrheit der Bewohner zu viel Angst davor, ein Gesicht zu verlieren, dass sie zwar irgendwie verabscheuen, aber das ihnen vertraut ist.

Das Ende der Reise kam leise

Erst jetzt wurde mir klar, was hinter mir lag. Die Bettwäsche duftete nach Waschmittel und die Matratze war weich. Meinen Magen voller leckerem Risotto und Rotwein lag ich einfach nur da und träumte mit offenen Augen. Viele wunderbare Erlebnisse und bunte Bilder schwirrten mir durch den Kopf: ein gnadenloser Anstieg auf staubiger Straße, das Geschrei von Affen, spitze Vulkane am diesigen Horizont, ein Soldat winkt mir zu, das Surren des dichten Dschungels, warmes Abendlicht bricht sich im unendlichen Ozean, Wellblechdächer, Schweiß tropft mir von der Nase, eine bunte gekleidete Frau lacht mich an, der kernige Geschmack von Maistortillas, von fern bellt ein Hund, jault, verstummt. Erinnerungen waberten wie flüchtige Noten durcheinander, formierten sich zu einer einzigen Symphonie. Ein riesiges Orchester erzählte eine Geschichte, die Geschichte meiner Reise. Ich lauschte in die Dunkelheit.

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Eine der Erinnerungen

Ein letztes Mal ankommen

Eigentlich geschah alles ganz schnell und unspektakulär. Ich stieg in einen Bus, ich trank ein paar Schlücke Cola, ich biss in ein Sandwich. Dann döste ich, trank wieder einen Schluck, beobachtete die vorbei fliegenden Kakteen und Vulkane und dämmerte ein. In der Nacht zuvor in Oaxaca schlief ich kaum und einmal wurde ich auf der Fahrt unsanft aus dem Schlaf gerissen, weil das Militär unseren Bus anhielt. Ich musste meine sämtliche Ausrüstung, die unten verstaut war, ausbreiten und deren Verwendung erklären. Beim Keramik-Aktivkohle-Wasserfiltersystem musste selbst der Kommandeur kurz lächeln. Als ich vier Stunden später aus dem Bus stieg, war ich immer noch müde.

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Ein allerletztes Foto von meinem Gefährten

Routiniert setzte ich ein letztes Mal mein Rad zusammen und schob es zum Ausgang. „México D.F. Tapo“ stand auf dem Schild an der Tür, glaube ich jedenfalls. Ein letzter vertrauter Blick auf mein Gefährt, ein allerletztes Foto. Mit meinem Schwager Javier demontierte ich das Gepäck und verstaute es samt Fahrrad in einem Taxi. Als ich meinen Gefährten so auf dem Rücksitz zusammengepfercht sah, musste ich an einen gestrandeten Wal denken. 97 Tage trug er mich durchs Ungewisse. Jetzt hier, in der ohrenbetäubenden Stadt, war er regungslos. Wenn ich überlege, wie ich gerade über einen zusammengeschweißten Alurahmen schreibe, kann ich mir gut vorstellen, wie sehr ein Cowboy an seinem Pferd hängt. Eigentlich wollte ich bis ans wirklich letzte Ziel radeln. „Du kannst unmöglich hier Fahrrad fahren. Das ist lebensgefährlich“, warnte mich Javier. „Ich hole dich ab!“ Deshalb das Taxi.

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Die Straßen in México City sind breit und radfahren ist gefährlich

Schön, dass ich da bin

Solche Momente spult man wie Filmszenen immer wieder ab, bevor sie tatsächlich geschehen. Wer viel Phantasie hat, mischt noch die richtige Musik dazu und gibt der Szene einen kitschigen Untertitel, so was wie „Die Rückkehr des Abenteurers“ oder „Aus der Wildnis“. Und wer`s gern emotional mag, setzt alles obendrein noch in Zeitlupe. Die Wahrheit ist dann meist viel weniger pompös: „Hier im Hof kannst du dein Fahrrad abstellen.“ „Wie viel kostet das Taxi?“ „Was wollen wir essen?“ „Das hier ist dein Zimmer.“ „Willst du dich ausruhen?“ „Schön, dass du da bist!“ Schön, dass du da bist! Ja, schön dass ich da war. Für einen Moment erinnerte ich mich an all die Leute, die mich warnten und die nicht an meine heile Ankunft glaubten. Unzählige Male wurde ich unterwegs nach meiner Familie und meinem Ziel gefragt. Jetzt war ich endlich hier und es war einfach wunderbar erst Javier und dann meine Schwester mit ihren beiden Kindern in die Arme zu schließen. Ich erzählte nicht viel, denn ich wusste nicht was. Ich genoss einfach nur die vertraute Atmosphäre der Familie und ein Leben, dass ich nur noch aus Erinnerungen kannte.

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Mit meiner Nichte Emilia in der Küche

Ich stand in einer Küche mit sechs (funktionierenden) Herdplatten, im Kühlschrank Saft, Nutella und Philadelphia, auf dem Tisch Vasen mit frischen Blumen, der Computer schnaufte im Gang, aus der Stereoanlage kam Musik. Beim Essen unterhielten wir uns auf Deutsch. Noch lange saßen wir zusammen und tranken chilenischen Cabernet.

Das Stadtleben war sehr ungewohnt für mich geworden und es war aufregend. „Gleich morgen machen wir dir eigene Schlüssel, einen fürs erste Tor, einen für die Eingangstür und zwei für die beiden Schlösser der Wohnungstür.“ „Ach ja, der Fahrstuhl bleibt manchmal stehen.“ „Grün? Ja, in der Nähe gibt es einen kleinen Park.“ „Klar, das Fenster kannst du über Nacht auflassen, aber hier fliegen viele Flugzeuge.“ Als ich ein paar Stunden später im Duft des Waschmittels dalag, übertönten ihre Turbinen fast die Melodie meiner Reiseerinnerungen.


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Blick aus meinem Fenster: Nachthimmel mit Flugzeug


Eine neue Melodie

Tagelang verbrachte ich damit meine Taschen auszupacken, meinen Schrank einzuräumen, mein Zimmer mit Landkarten zu dekorieren und mein Fahrrad aufzumöbeln.

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Fahrrad aufmöbeln im Innenhof in México City

An den Lärm und den Smog gewöhnte ich mich nur schwer. Es ist schon seltsam wie lange man manchmal braucht, um zu realisieren, dass etwas zu Ende ist und gleichzeitig etwas Neues beginnt. Hermann Hesses Gedicht Stufen kommt mir in den Sinn: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der dich beschützt und der dir hilft zu leben.“ Meine Ankunft in México City war kein glorreicher Paukenschlag als letzte Note eines furiosen Musikstückes. Das Ende meiner Reise war vielmehr ein Ritordando und Descrescendo, bis die Töne nur noch entfernt zu erahnen waren. Und gleichzeitig kündigte eine völlig neue Melodie den nächsten Akt an: mein Leben im Millionenmoloch.

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Das war´s für México

Zwischenruf aus México City: Dokumentation der erwarteten Niederlage einer siegessicheren Nation.

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Destaströses Spektakel: der Zócalo ud die Straßen
drumherum waren vollgestopft mit Menschen


Das wars. México ist raus. Über 100.000 Zuschauer schauten alleine auf dem Zócalo in México City dem Disaster gegen Argentinien zu. Alle haben damit gerechnet und trotzdem hat ganz México an einen Sieg geglaubt. Das klingt paradox und ist es auch. Doch die mexikanische Fußballseele hatte in der Vorrunde der WM 2010 so viel Hoffnung geschöpft, dass plötzlich alles möglich war. Weltmeister, warum nicht? Sie, se puede. Nach 93 Minuten bedingungslosen Kampf gegen einen der Top-Favoriten der Weltmeisterschaft wurde klar, dass bereits das Viertelfinale schon außer Reichweite lag.

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Traum vorbei: Fans verlassen das Fifa Fest.

Traditionellerweise feierten die Argentinier schon vor dem Spiel ihren Einzug ins Viertelfinale. In México war die Stimmung freudig, doch äußerst angespannt. "Das wird hart", murmelte der Taxifahrer nur, während er uns in schwindelerregendem Tempo durch die ungewohnte leeren Stadtstraßen kurvte. Auch er wollte das erste Tor nicht verpassen - noch 3 Minuten bis zum Anpfiff. Einige Taxifahrer verfolgten das Spiel auf einem tragbaren Schwarzweißfernseher in ihrem Auto. Andere standen im Kreis vor einer kleinen Glotze am Kiosk. Unser Fahrer war auf dem Weg in die Zentrale, wo ein paar Kollegen auf ihn warteten. Es war unvorstellbar, dass in diesem Moment nur ein Mexikaner nicht mit dem Blick an den Hacken von Osorio, Rodriguez, Marquez und ihren Kollegen hing.

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Jubel beim einzigen Tor Méxicos

Trotz Verspätung hatten Javier und ich uns einen Platz in einem hoch über der Stadt gelegenen Hotelrestaurant erschlichen. Unser ursprünglicher Plan auf dem Zócalo das Spiel zu schauen, ging nicht auf. In jedem denkbaren Winkel mit nur ansatzweise Weise Blick auf eine der Leinwände drängten sich die Menschen wie Kühe am Futtertrog. Jetzt lag die Herde zu unseren Füßen. Sie seufzte, sie schrie, sie bangte, sie jammerte und einmal jubelte sie sogar. Hernandez hatte mit seinem Tor die Ehre des Landes gerettet. Eine gigantische Menge feierte das Tor wie einen Sieg, fieberte mit und erkannte am Ende die Niederlage an. Als wären sie aus einem utopischen Traum aufgewacht, nachdem sie sich wieder erinnerten: Wir sind ja gar keine Weltklasse-Mannschaft.

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Die Herde vor der Leinwand johlte, jammerte, jubelte.

Das Überraschende für mich war mal wieder der friedliche Verlauf des enttäuschenden Sonntagnachmittags. "Die Argentinier waren einfach besser" oder "Wir haben gekämpft bis zuletzt", "Es war ein spannendes Spiel" oder "Verdient verloren" - reflektierte Sprüche wie diese waren das Gros der Reaktionen nach dem Spiel. Der eine bestellte noch ein Bier, der ander die Rechnung. Unten verließen die maskierten Figuren friedlich das Schlachtfeld. Höchststimmung kam natürlich keine auf, doch Frust genau so wenig.

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México-Trikot gegen das deutsche Trikot tauschen? Weit gefehlt.

Ich selbst hatte für México gejubelt. Das unwahrscheinliche Finale Deutschland-México wäre ein Wahnsinnserlebnis in dieser Stadt geworden-keine Frage. Nach dem deutlichen Sieg der Argentinier hoffte ich darauf, dass die Mexikaner nun im nächsten Spiel für Deutschland ihre Fäuste reckten - aus purer Rache an den Argentiniern. Doch diese Hoffnung wurde schnell wieder zerschlagen. "Jetzt jubeln wir halt für Argentinien", sagte mir ein Mexikaner auf dem Heimweg, "das ist immehin der gleiche Kontinent!"

Zehn Shots und fünf letzte Zeilen

Mit dem letzten Foto stelle ich euch das Zehnte meiner wild durcheinander gewürfelten Bilderschätze von meiner Radreise durch Mittelamerika vor. Jedes Mal, wenn ich ein Foto hochgeladen habe, war die dortige Stimmung sofort wieder präsent. Es gibt noch so viele mehr. Als Letztes seht ihr einen Blick auf das Dorf San Martín in der Morgensonne, nahe Oaxaca. Ein Klassiker.

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San Martín Mexicapan, Mexiko, Mai 2010

Fotografiert mit:
Canon EOS DIGITAL 350 D, Optik: SIGMA 28-300 mm 1:3.5-6.3

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Die Kunst des Lebens, das Leben der Kunst

Es war stockfinster. Ich nutzte die ganze Breite der Straße, um nicht samt meinem Fahrrad die Schlucht hinunter zu stürzen. Oben war es so still, dass ich bei jedem Schritt das Rascheln des feuchten Grases unter meinen Sohlen hören konnte. Als ich die Schranke hinter mir ließ, war es als passierte ich einen seit Jahren verlassenen Militärstützpunkt. Gut möglich, dass ich jeden Moment aufwachte. Ich stellte das Rad ab, setzte mich auf eine der Jahrhunderte alten Ruinen und wartete.

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Mit Selbstauslöser auf dem Monte Alban

Ideen, Erlebnisse und Kaffeepulver

Ich lauschte meinem Atem – ruhig und gleichmäßig wie im Tiefschlaf. Doch meine Gedanken waren klar. Ich dachte an die vergangene Woche. Als ich in San Cristóbal mit Schüttelfrost in den Nachtbus stieg, ahnte ich nicht, wie nah das Ende meiner Radreise war. In Oaxaca hing ich einige Zeit fest und kurierte eine schwere Magen- und Darm-Attacke. Spätestens seit meinen Erlebnissen in „Las Piramides“ war ich mir sicher, dass nichts ohne Grund passiert. Dass ich mich genau in diesem einen Hostal einquartierte, halte ich längst für keinen Zufall mehr. Von außen war es unscheinbar, von innen nichts Besonderes. Nur 14 Traveller wohnten dort, als ich mein Rad über die Türschwelle schob. Doch es war als machte die bloße Anwesenheit jedes Einzelnen das kleine, abgelegene „El Ponchon“ zu einer vollkommenen Insel der Harmonie. Vom ersten Moment an sorgten wir alle gemeinsam für einen Vibe, der uns glücklich machte. Ich bin sicher, Jule und Christian wissen genau, wovon ich spreche. Wir spürten eine Verbundenheit, die sich eigentlich durch nichts erklären lässt. Wir teilten Ideen, Erlebnisse und Kaffeepulver. Und dennoch: größer hätten die Unterschiede der Charaktere kaum sein können. Zeitweise kam ich mir wie Teil eines Drehbuchs einer Backpacker-Soap vor. Und jeder Mitspieler nahm wie selbstverständlich seine Rolle an. Als ich im Morgengrauen oben auf den Tempeln von Monte Alban kauerte, bereute ich keine Sekunde der vergangen Woche, die ich gegen meine Weiterreise auf dem Rad eingetauscht hatte. Genau das ist der Inbegriff des Reisens für mich – dein Gefühl sagt dir, wie und wann es weitergeht.

Zwischen Nacht und Tag

Und dann kam sie. Lautlos, elegant und betörend. In wenigen Augenblicken erleuchtete sie alles, was zuvor noch in völliger Dunkelheit lag. Sie hauchte den Bäumen, den Gräsern, ja sogar den alten Gemäuern Leben ein. Scharfkantige Schatten verliehen den Tempelruinen plötzlich Kontur. Alles schien in Bewegung.

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Die Sonne geht auf

Ich war überwältigt mit welcher Kraft die Sonne meinen ausgekühlten Körper binnen weniger Sekunden aufwärmen konnte. Plötzlich konnte ich mir vorstellen, wieso für die Mayas dieser Ort heilig war.

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Monte Alban im Morgenlicht

Zwei Stunden schlich ich noch einsam und verträumt über die weitläufige ehemalige Maya-Stadt Monte Alban. Dann setzte ich mich das letzte Mal auf meiner Reise auf den abgenutzten Sattel meines Rades. Als ich an der Schranke die Grenze zur archäologischen Zone überquerte, rieb sich der müde Pförtner ungläubig die Augen. Lächelnd ließ ich mich bergab rollen. Auf meiner letzten Abfahrt hatte ich es nicht eilig.

Lebendiges Oaxaca

„Wie soll ich denn bitte ein Foto von der Dunkelheit machen?“ Alle lachten. Ich biss vergnügt in ein Toast mit Honig. Keiner hatte daran geglaubt, als ich am Abend vorher großspurig ankündigte, dass ich nach nur drei Stunden Schlaf mit dem Rad auf den Gipfel des Monte Alban fahren würde. Bis spät war ich mit ihnen im Rahmen eines zehntägigen Festivals in der Stadt unterwegs.

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Maya-Kunst im archäologischen Museum in Oaxaca

Die Tage zuvor sog ich den einzigartigen Flair Oaxacas auf, die ohne Zweifel für mich die schönste Stadt auf meiner bisherigen Reise war. Oaxaca ist berüchtigt für seine pulsierende Kunstszene, die in jedem Winkel der Stadt lebendig wird. Zwischen kolonialen Prachtbauten säumen Galerien, Museen und Straßenkünstlerstände die Straßen.

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Protziges Gold in einer Kirche in Oaxaca

Abgewrackte Hinterhofkinos, tausende kleine Künstlercafés und farbenfrohe Märkte runden das Bild ab. Berühmte mexikanische Künstler wie Diego Rivera oder Frida Kahlo nutzten die Energie der Stadt als Inspirationsquelle. Natürlich bleibt da der Tourismus nicht aus – doch nie unangenehm. Er fügt sich ein, geht fast unter in der selbstbewussten Atmosphäre des sich ständig wandelnden Gesamtkunstwerkes Oaxaca.

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Die Kunst in Oaxaca ist allgegenwärtig

Jetzt war es 9.35 Uhr und wir saßen beim Frühstück. Ein letzter Tag in Kaffees und Galerien und eine rauschende Abschiedparty im abgefahrenen Club Central blieben mir noch, bis mich kurz drauf um fünf Uhr morgens Yooki unsanft weckte, damit ich meinen Bus nach Mexiko Stadt nicht verpasste. Mein Gefühl sagte mir, dass es Zeit war zu gehen.

Erlösung am Berg

EIN SHOT, FÜNF ZEILEN: Jeden Tag ein neues Foto.

Es war die erste Bergkette, die wir in Guatemala bewältigten und der Beginn einer 13-tägigen Etappe durchs Hinterland. Nach 35 km zwang uns die Steigung in den Schiebegang. 3 Stunden 8 km bergauf wurden zur Kraftprobe. Oben zitterten wir vor Kälte, doch der erste Kurbelschlag versetzte uns in erlösende Euphorie. Und genau in diesem Moment schoss ich das Bild.

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Buena Vista, Guatemala, März 2010

Fotografiert mit:
Fujifilm FinePix F-Series

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Karibische Leichtigkeit

EIN SHOT, FÜNF ZEILEN: Jeden Tag ein neues Foto.

Bacardi-Werbung? Bildtapete? Urlaubsprospekt? Nein, einfach nur einer der unberührten Karibikstrände. Weite Teile der Riviera Maya zwischen Cancun im Norden und Tulum im Süden wurden bereits von Hotels erobert. Doch in Xpu-Ha ist noch alles so wie es wohl vor Jahrhunderten die Maya gesehen haben: weißer Sand, türkisblaues Wasser und ein leichter Morgenwind.

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XPU-HA, Yucatan, México, Februar 2010

Fotografiert mit:
Fujifilm FinePix F-Series

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360 Grad Semana Santa

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Die Semana Santa in Antigua - Guatemalas größtes Ereignis des Jahres. Tag und Nacht schreiten in andächtigem Tempo kilometerlange Prozessionen über das mit Blumenteppichen geschmückte Kopfsteinpflaster. Freiwillige tragen die bis zu 4 Tonnen schweren Holzaltare. Eine Kapelle folgt und spielt Trauermusik - in der Tuba spiegelt sich das österliche Spektakel.

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Antigua, Guatemala, April 2010

Fotografiert mit:
Canon EOS DIGITAL 350 D, Optik: SIGMA 28-300 mm 1:3.5-6.3

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Die alte Frau und das Monster

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Galerien in Prachtstraßen, malerische Botschaften auf Stadtmauern, Künstlercafés mit Ausstellungsfläche. Oaxacas lebendige Kunstszene ist einzigartig und innerhalb seiner Grenzen allgegenwärtig. Doch erst die Menschen dieser Stadt erwecken die Kunst zum Leben; sie verschmelzen mit ihr, werden Teil eines Gesamtkunstwerkes, das sich Tag für Tag wandelt.

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Oaxaca, México, Mai 2010

Fotografiert mit:
Canon EOS DIGITAL 350 D, Optik: SIGMA 28-300 mm 1:3.5-6.3

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Sonntagsmarkt im Dorf der Hexer

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In den nordwestlichen Bergen Guatemalas auf knapp 2500 Metern liegt das Dörfchen Nahualá, auf deutsch "Ort der Hexer". Hier leben die K`iche-Indianer, die sich ihre traditionelle Lebensweise weitgehend bewahrt haben und meist Trachten tragen. Diese Frau drängt sich durch den Trubel des Sonntagsmarktes. Auf dem Kopf die Einkäufe, stillt sie gerade ihre Tochter.

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Nahualá, Guatemala, April 2010

Fotografiert mit:
Canon EOS DIGITAL 350 D, Optik: SIGMA 28-300 mm 1:3.5-6.3

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travel-passion [ABOUT] ist ansteckend und macht Fernweh! Geschichten und Infos rund um die 2.schönste Sache der Welt.

"Zeit ist das wichtigste aller Luxusgüter." (Zitat, Hans Magnus Enzensberger)

Comments

Das bei Ryanair und anderen...
Das bei Ryanair und anderen Billigfluglinien jede Leistung...
HankyMank (Gast) - 15. Mai, 13:23
Bin mir gerade nicht...
Bin mir gerade nicht sicher ob das Senden meines Kommentares...
Frank (Gast) - 8. Mai, 14:56
Ach so ein Umzug macht...
Ach so ein Umzug macht doch Spaß, wenn man weiß...
Frank (Gast) - 8. Mai, 14:52

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