México City ist ein schmutziger Smogkessel. Stimmt. Und laut. Stimmt auch. Es wäre die perfekte Kulisse für das Video zu
Stadtaffe von Peter Fox: „Alles ist bunt, laut und blinkt, die Stadt voller Affen ist voll und stinkt. Smog in den Lungen, bin drauf und grins…“ Jedes Wort dieses Textes scheint von der mexikanischen Metropole inspiriert zu sein. Schöne Ecken muss man suchen, doch tatsächlich: man findet sie. Genau darin liegt die Faszination dieser Stadt. Das Schöne wirkt umso schöner, wenn das Hässliche nur hässlich genug ist. México D.F. lebt von ihren Kontrasten.
Eine unendliche Dichte: Smog über Mexico City
Mit über 20 Millionen Einwohnern ist Méxiko City nach Tokio die zweitgrößte Stadt der Welt. Sie hat nicht viel mit dem Rest des Landes gemein. Man sagt, dass es hier nichts gibt, was es nicht gibt. Gut vorstellbar. Auf dem Plaza Santa Domingo könnte ich mir beispielsweise für ein paar Pesos ein Diplom als Ingenieur oder einen Doktortitel täuschend echt drucken lassen.
Der Kern der Stadt: Dekadenter Reichtum und absolute Armut
Alles geht! - würde man besser sagen, aber mit Zusatz:
Wenn man Geld hat. Wie in vielen Großstädten trifft absolute Armut auf dekadenten Reichtum. Doch México City ist in dutzenden Belangen Superlative: der
weltgrößte innerstädtische Platz, das größte Wandgemälde, das breiteste Drehrestaurant, die meisten Millionäre der Welt leben hier.
Superlative der Weltgrößten: Drehrestaurant "Bellini"
neben Wandgemälde von David Alfaro Siqueiros.
Chilangos nennen die Mexikaner die Stadtbewohner. Sie gelten landesweit als arrogant, unfreundlich und rücksichtslos. Absolut einzigartig ist sicherlich auch der Verkehr. Er ist das größte Laster der Stadt und so dicht, dass man oft schneller zu Fuß unterwegs ist. Abgase, brüllende Motoren und offensive Hupkonzerte sind rund um die Uhr allgegenwärtig. Die Reichen fliegen mit Hubschraubern, die Armen fahren Metro. Wer ein bisschen Geld hat, kauft sich ein Auto. Ich fahre Fahrrad.
Giftige Wolken steigen über der Stadt auf. Tagsüber im Flugzeug oder auf einem hohen Gebäude kann man förmlich sehen wie sie sich zu einer Glocke über der Stadt formieren. Der Smog macht müde und seit Wochen habe ich einen Belag auf meinen Schleimhäuten, der nicht einmal durchs Joggen im Park wegzukriegen ist. Nach meiner Tour ging ich davon aus, dass ich körperlich fit bin, doch nach fünf Kilometern Laufstrecke im Parque Viveros geht es schon los. Es kratzt im Hals, das Atmen fällt schwer.
Laufstrecke im Parque Viveros. Ich dachte, ich wäre fit.
Der Luft fehlt Sauerstoff, hinzu kommt die Höhe von 2100 Metern. Das Niederschlagende: die Läufer der Stadt scheinen sich daran gewöhnt zu haben: ältere, untersetzte Damen zogen an mir schon vorbei, als würden sie über eine Frühlingswiese im englischen Garten hoppeln. Alle paar Minuten zischt ein gut trainierter Läufer an mir durch. Eine Tatsache, die bestimmt auf körperlicher Adaption basiert und mit der ich nur schwer zurechtkam.
Trotzdem kommt die Luftverpestung für mich erst an zweiter Stelle der mexikanischen Übel. Nummer eins? Der Lärm. Die Geräusche stapeln sich in den Ohren wie der Belag auf einem Hamburger. Das Basisgeräusch bilden die Motoren der Blechkolonnen der teils uralten Trucks, Busse und Autos in den Straßen – verfeinert durch eine Alarmanlage hier und da, kuriose Hupvariationen und dem ohrenbetäubenden Lärm von Baustellen. Apotheken (!) kann ich mittlerweile aus bestimmt hundert Metern identifizieren: An ihren Eingängen wummern riesige Lautsprecher und beschallen die Umgebung mit heißen Salsa-Rhythmen und satten Downbeats, bis der Pegel teils bis zur Unkenntlichkeit übersteuert.
Typisches Bild: Verkäufer auf Dreirad verkauft Wassercontainer
Obendrauf dröhnen die Turbinen der im Minutentakt knapp über die Stadt fliegenden Flugzeuge. Verkäufer, die durch Megafone schreiend mit Fahrrad oder Handkarren durch die Straßen gondeln, garnieren den Lärm mit ihren Stimmen. Sie preisen Waren oder Dienstleistungen an: „Tamales! Ricos“ Oaquenos! Venga y compra!“ Dieser Ruf hat sich in mein Kleinhirn eingebrannt. Ich hörte ihn mehrmals jeden Tag. Und nachts. Das ist Normalsituation in dieser Stadt.
México City ist zweifellos die Vorhölle des Naturliebhabers, aber der Garten Eden für jeden Fan von Kunst, Subkultur und lebendiger Zivilisation. Das archäologische Museum zählt zu den besten der Welt und beherbergt Schätze wie die beeindruckende Steinscheibe des Atzteken-Kalenders. Olmeken, Atzteken, Tolteken, Maya – das Leben dieser Völker wird in den 14 Hallen des zutiefst beeindruckenden Museums lebendig. Doch vor allem die jüngere Kunstgeschichte der Stadt zog mich in ihren Bann - Frida Kahlo und Diego Rivera sind deren schillerndste Figuren.
Ausschnitt mit Leo Trotzky aus Diego Riveras Wandgemälde
"El hombre en el cruce de caminos" in Bellas Artes
Ich besuchte ihre verschiedenen Wohnhäuser und Ateliers, lass deren Geschichte, trank Kaffee in ihren Vierteln, besuchte das Haus ihres Freundes Leo Trotzkys, suchte quer durch die Stadt nach ihren Werken. Das Faszinierende für mich war vor allem die Verknüpfung ihrer Kunst mit dem Alltag der Menschen. Ihre Bilder sagen so viel über die mexikanische Seele aus und geben ein tieferes Verständnis für alles, was uns Europäern hier so fremd erscheint.
Gemälde im Palacio Municipal: Diego Riveras Sicht auf seine Vorfahren
Als Fotograf könnte ich Jahre lang durch die Stadt streifen ohne meiner Motive müde zu werden. Es gibt tausende Facetten, Perspektiven, Situationen, die für mich abstoßend und attraktiv zugleich sein können. Die Unterschiede der Viertel sind extrem. Es sind Parallelwelten durch die ich meine Reifen rollen lasse. In der europäisch wirkenden Condesa wird gegessen, getanzt, gefeiert, in der Zona Rosa treffen sich die Schwulen, im Centro Histórico sitzen die Silber- und Goldhändler und die Touristen, in San Ángel wohnt die Schickeria, in Coyoacan die Künstler und überall in den ganzen Zwischenräumen teilen die Unter-, Mittel- und Oberschicht die Gebiete untereinander auf.
Regenbogen-Atmosphäre in der Zona Rosa
Ich wohne im Süden der Stadt in einem Viertel der Mittelschicht. Der Hausmeister ist gleichzeitig Portier, die Autos stehen im Innhof, die Kinder gehen auf internationale Privatschulen. Zuhause ist eine „Nana“ für Haushalt, Einkauf und Mittagessen verantwortlich. Der Ruf einer Nana ist schlecht, es gibt viele Stigmata, die leider oft auch zutreffen:
sie schinden Zeit, neun von zehn klauen, sie denken nicht mit, sie reden schlecht hinter dem Rücken ihrer Arbeitgeber – all so was hört man. Oft wohnen sie in einem Dienstboten-ähnlichen Zimmerchen in, neben oder auf dem Haus. Für die 200-300 Pesos (ca. 20 Euro) pro Tag würden sie vermutlich noch viel mehr Unangenehmes auf sich nehmen.
Über den Dächern der Stadt sind die Nanas zuhause
Die Nana meiner Schwester reist täglich zwei Stunden mit der Metro an und abends wieder heim in ihr Viertel. Für die kürzliche Beerdigung ihres Vaters musste sie ihren Kühlschrank verkaufen. Ihr Sohn ist, seit er sich auf den Weg zur Grenze der USA machte, verschollen. Seitdem kümmert sie sich um seine drei zurückgelassenen Kinder. So oder ähnlich ist die Realität von Millionen von Chilangos.
In den Metrolinien pulsiert das Leben. Sie sind die unterirdischen Adern der Stadt. Nonstop werden Menschen durch das dunkle Netz gepumpt. Rein, raus, Zisch, los. Eine Bahn ist nie voll. Die Türen schließen gnadenlos. Die Belüftungsanlage wurde vermutlich seit der WM 1986 nicht mehr überholt, es ist stickig und heiß. Oft rannen mir kleine Schweißperlen die Wirbelsäule entlang, während ich meine Tasche vor Dieben schützte. Und als sei es der Reize noch nicht genug, gipfelt auch hier die Lärmbelästigung. In jedem Wagon quetschen sich Verkäufer durch die Passagiere. In ihrem Rucksack steckt ein Lautsprecher, in ihrer Hand ein Discman. 10 Sekunden spielen sie jeden Titel an. Musik aller Art. "Rrrock claaaassico! Barato, barato, barato!" Betäubend laut. Die (billige) gebrannte CD kostet zehn Pesos. Ruck, Zisch, Raus, Rein, Zisch. Dann kommt der nächste Verkäufer ins Abteil. Neben Musik oder Filmen verkaufen die fliegenden Händler alles, was sich in der Metro transportieren lässt. Die Berliner U-Bahn ist dagegen eine Meditationsoase. Mehrmals stieg ich vor der Endstation aus und ging den Rest zu Fuß. Immer häufiger fuhr ich mit dem Rad, Zwar bedeutete das Gefahr, dafür aber große Freiheit. Wieso eigentlich Gefahr?
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Der dichte Verkehr macht Radfahren zum Risiko
Mit dem Rad durch Méxiko Stadt fahren, das würde ich schon fast provokant nennen. Als Verkehrsmittel wirkt es so absurd, dass alle anderen Verkehrsteilnehmer schlicht keine Notiz vom Radfahrer nehmen. Das hat den Nachteil, dass es gefährlich werden kann und den Vorteil, dass alles erlaubt ist. Einbahnstraßen, Ampeln, Bordsteine, Zebrastreifen: ich sah sie als Schikanen in einem rasanten Spiel. Das Fahrradfahren erinnert vor allem in der Regenzeit an die ungünstige geografische Lage der Stadt: México City wurde von wandernden Atzteken auf einem See erbaut, weil auf der Insel in der Mitte ein Adler auf einem Kaktus saß und eine Schlange verspeiste. Diese Legende wurde in der Nationalflagge vereinigt.
Ein Adler saß und fraß - so entstand die zweitgrößte Stadt der Welt
Genau dort entstand der erste Tempel Teotihuacán (heutiges historisches Stadtzentrum), drumherum wurden schwimmende Häuser gebaut, der gigantische See wurde systematich ausgetrocknet. Das hat in der heutigen Millionenstadt dramatische Auswirkungen: Erdbeben, Wasserknappheit und zu Regenzeiten überflutete Straßen. Es ist lebensgefährlich auf dem Zweirad im Regen durch die bis zu hüfthohen Wassermassen zu manövrieren. Dabei war ich nicht der einzige Lebensmüde. Ricardo, den ich einige Monate zuvor in der Karibik kennen lernte, radelt schon sein ganzes Leben durch die Stadt. Er und seine Freunde sind Teil einer lebendigen Bike-Szene: sie spielen Rad-Polo im Park oder veranstalten illegale Fixi-Rennen durch die Stadt. „Je mehr wir sind, desto ungefährlicher ist es. Die Autofahrer können uns dann nicht mehr ignorieren.“ Diese Szene erinnert mich irgendwie an Street-Skaten oder an Parcours: mit aller Vehemenz trotzen sie dem Mainstream der Gesellschaft.
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Mit Nato-Draht schirmen sich die Chilangos
vor der Welt dort draußen ab
Mit der Regierung des Landes läuft es ähnlich wie mit dem Straßenverkehr. „The Economist” formulierte es kürzlich so: „One reason why traffic is so appalling in Mexico City is that drivers routinely block others from crossing road junctions rather than miss a chance to edge forward before the lights change. And so it is with the countrys politics”. Dieser Satz trifft ins Zentrum der Chilango-Seele und umfasst wichtige Probleme des Landes. Korruption, Drogenhandel und Armut sind Sprechthemen. Die Zeitungen sind voll von „Narcotrafico“ und brutalen Morden. Das Seltsame: Die Menschen leiden unter dem fest installierten System und gleichzeitig ist es so eng mit dem Charakter des Landes verknüpft, dass es kaum einer missen oder gar ernsthaft ändern will. Was wäre México ohne all diese Probleme? Es müsste sich neu definieren und es scheint, als habe die Mehrheit der Bewohner zu viel Angst davor, ein Gesicht zu verlieren, dass sie zwar irgendwie verabscheuen, aber das ihnen vertraut ist.