Bergvölker, Opium und Seljestädter Faschingslieder

Die 15 kg Last meines Rucksackes haben sich mittlerweile in gefühlte 30 kg verwandelt und es scheint schon seit Stunden steil bergauf zu gehen. Nachdem ich nun das zehnte Mal einen zurückschnalzenden Ast meines Vordermannes im Gesicht hatte, nehme ich mir fest vor, nach der nächsten Pause nicht mehr am Schluss zu laufen. Ich klettere über einen umgestürzten Baum, drücke Bambus zur Seite und muss ständig auf meine Füße achten, dass ich auf dem lehmigen Boden nicht den Hang hinunter sause. Dann endlich bleibt unser Guide Prasae einen Moment stehen und ich habe nicht nur Zeit einen Moment durchzuschnaufen, sondern mir auch wieder die Einzigartigkeit dieses Momentes vor Augen zu führen. Wir stehen mitten im Urwald, T, ich, Achi und unsere Guide, der einem der vielen verschiedenen Bergvölker im Norden Thailands angehört.

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Reisfelder im ehemals goldenen Dreieck

Mit dem Zug waren wir von Bangkok aus nach Chiang Mai gefahren. Diese Fahrt gestaltete sich schon als ein Abenteuer. 800 Kilometer in 18 Stunden Holzklasse, waren dann trotz einem Preis von umgerechnet nur drei Euro ein hartes Stück Arbeit. Nach einer Nacht bei Freunden fuhren wir am nächsten Tag weiter nach Pai, einem kleinen Dorf an der Grenze zu Burma. Man könnte es auch „Little Goa“ nennen. Hippies, Aussteiger und Backpacker prägen das Bild. Hier buchten wir den Trip zu den Bergvölkern, der schon gleich am nächsten Morgen (nach einer durchfeierten Nacht mit genialer Livemusik) um acht Uhr begann.

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Nebel kündigt wieder einen wundervollen Tag an

Nachdem ich zu meinem Bedauern meine Wasserflasche gelehrt hatte, laufen wir weiter. Im Moment befinden wir uns ca. sechs Kilometer von der burmesischen Grenze entfernt. Ein Gebiet, in dem noch bis vor zwei Jahren überall Mohnfelder zur Opiumproduktion blühten und als einer der größten Drogenumschlagsplätzte weltweit galt. Doch seit ca. zwei Jahren kontrolliert de thailändische Regierung diese Region des goldenen Länderdreiecks. Thailand, Laos und Burma treffen hier zusammen und das an unkontrollierbaren Grenzen mitten im Urwald. Immer wieder schaffen es Flüchtlinge (von denen wir auch einige kennen gelernt haben) über die Grenze nach Thailand und verstecken sich bei den Bergvölkern.

Nach vier Stunden haben wir unser erstes Etappenziel für diesen Tag erreicht. Wir durchqueren noch mal einen Fluss und sehen die ersten Hütten vor uns. Weit ab von jeder Zivilisation leben die Bergvölker scheinbar von der Außenwelt abgeschnitten. Als wir unsere Rucksäcke abnehmen und hinsetzten merke ich erstmals meine Beine, vor allem meine Waden und das wir die letzten zwei Tage fast 30 Kilometer durch den Urwald zurückgelegt haben. Doch die Ruhe und die Atmosphäre die uns hier erwartet versöhnt uns von allen Strapazen, Dreck und Schweiß.

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Chillige Atmosphäre abseits jeder Zivilisation

Die Häuser der Bergvölker ähneln einander sehr. Sie stehen auf ca. zwei Meter hohen Holzpfählen, da unter den Häuser die Tiere der jeweiligen Familien leben. Die Behausungen sind komplett aus Bambus gebaut. Man findet hier weder Beton noch einen einzigen Nagel. Der Boden ist aus ausgerolltem Bambus und läd gerade so dazu ein sich abzulegen. Auf der Feuerstelle im Haus entzündet unsere Gastgeber ein Feuer und bereitet erst Tee und später ein unglaublich leckeres Mahl zu.

Klar sind wir hier Touristen und fallen auf, doch es wird nicht versucht uns irgendetwas zu verkaufen, uns Geld aus der Tasche zu ziehen oder irgendeine Show für uns zu liefern. Wir sind einfach da und die Dorfbewohner führen ihr Leben ganz normal weiter. Mehrere Alte sitzen rund um die Feuerstelle und erzählen Geschichten (obwohl T Thai spricht, versteht auch sie kein Wort, da die Bergvölker eine ganz eigene Sprache sprechen) und trinken Reisschnaps, den wir natürlich kosten müssen. Eine Frau stillt ihr Baby, unsere Guide lässt sich massieren und einer der Alten schnitzt an einem Stück Bambus.

Nach dem Essen legen wir uns auf die Terrasse und bewundern den unglaublichen Sternenhimmel in absoluter Dunkelheit. Lediglich der schein der Kerzen aus der Hütte dringt nach Draußen. Es dauert nicht lange und wir sehen die ersten Sternschnuppen. Ein perfekter Moment.

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hier übernachteten wir am ersten Tag unseres Trips

Nachts kühlte es bis auf 0 Grad ab, doch mit zahlreichen Decken und unseren Schlafsäcken überstanden wir die Nacht außer roten Nasen am nächsten Morgen ohne Probleme. Als die Sonnenstrahlen der aufgehenden Sonnen uns weckten und durch das Bambusdach schienen erwartete uns wieder ein wundervoller Tag mit tiefblauem Himmel und Temperaturen an die 30 Grad.

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Achi und ich in der Wildniss

Nach einem weiteren sehr anstrengenden, jedoch unvergesslichen Tag durch scheinbar unversehrten Urwald nächtigten wir im Haus unseres Guides und seiner Familie. Nach dem Essen kamen Freunde zu Besuch und begannen gemeinsam mit uns Reisschnaps zu trinken. Wir unterhielten uns mit Prasä als Dolmetscher und mit Händen und Füßen. Je mehr Schnaps floss, desto lustiger wurde die Runde, die aus uns drei, Prasä selbst, seiner Frau, seiner Schwiegermutter, seinem Bruder, einem Flüchtling aus Burma und zwei Nachbarn komplettiert wurde. Der Höhepunkt des Abends war wohl, als Achi und T begannen Seligenstädter Faschingslieder anzustimmen und die Bergbewohner begeisternd klatschend versuchten mitzusingen.

Ein Abend und ein Trip, den ich wohl nie vergessen werde.
Jokkel (Gast) - 8. Mrz, 10:21

War auch schon im Norden aber so auf eigene Faust in den Dschungel, klasse. Über so einen Trip werde ich auch mal nachdenken.

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